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Frankfurter Gespräche III – „Ein halbes Jahr neue Regierung: Zugehörigkeit zwischen Politik, Medien und Alltag“

„Wir wollen Räume schaffen für neue Perspektiven, für offene Debatten – und für Stimmen, die sonst oft überhört werden.“ Mit diesen Worten eröffnete die Journalistin Ebru Kaymak (Deutsche Bold)  die dritte Veranstaltung der Frankfurter Gespräche, einer Kooperation von Haus am Dom und der IJA.

Kaymak, Redakteurin bei Deutsche Bold, führte präzise und pointiert durch den Abend – mit der journalistischen Haltung, „nicht nur über Debatten zu reden, sondern sie transparent zu machen.

Die Journalistin gehört zur Bold Media Group, die mit ihren Plattformen Deutsche BoldBold MedyaBoldPuls und Bold View die erste mehrsprachige, gemeinnützige Medienplattform in Deutschland aufgebaut hat. Ziel der Gruppe ist es, den öffentlichen Diskurs über Sprach-, Herkunfts- und Generationsgrenzen hinweg zu öffnenund unabhängigen, dialogorientierten Journalismus zu fördern.

Der Abend stand unter einem markanten politischen Datum: genau ein Jahr nach dem Bruch der Ampelkoalition – dem sogenannten „Ampel-Aus“ – und ein halbes Jahr nach Amtsantritt der neuen Bundesregierung.

Kaymak setzte gleich zu Beginn den Ton eines reflektierten, offenen Gesprächs:

„In Zeiten, in denen gesellschaftlicher Zusammenhalt unter Druck steht, interessiert uns das Konkrete: Was ändert sich wirklich – im Alltag, in den Medien, in den Köpfen?“

Politische Teilhabe, Identifikation – und das Integrationsparadox

Den analytischen Auftakt gestaltete Prof. Dr. Hacı-Halil Uslucan, Direktor des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied der Fachkommission „Integrationsfähigkeit“ der Bundesregierung.
Er verband empirische Befunde mit sozialpsychologischer Analyse und machte deutlich, dass Integration ohne Selbstwirksamkeit nicht gelingt.

Menschen haben ein grundlegendes Bedürfnis nach Kontrolle. Politische Partizipation – und damit Einbürgerung – verwandelt Menschen von Objekten politischer Steuerung in Subjekte der Politik.“

Dort, wo Gruppen kein Wahlrecht besitzen, so Uslucan, könne Politik über sie sprechen, ohne von ihnen abgewählt zu werden. „Wer mitreden kann, verändert auch die Sprache, mit der über ihn gesprochen wird.

Besonders eindrücklich erläuterte er das Integrationsparadox: Jugendliche, die objektiv gut integriert sind – sprachlich, schulisch, sozial –, fühlten sich subjektiv oft weniger zugehörig.

„Sie nehmen Ungleichbehandlung schärfer wahr. Das ist keine Schwäche, sondern ein Fortschritt: Die Gleichheitsgrundsätze sind verinnerlicht. Wenn sie verletzt werden, rebellieren Menschen – und das ist ein demokratisches Signal.“

Mit einer bildhaften Metapher verdeutlichte er den Generationenwandel:

„Die erste Generation freut sich, dass sie ein Stück Kuchen bekommt. Die zweite fragt, ob er gerecht verteilt ist. Die dritte will mitbestimmen, welcher Kuchen gebacken wird.“

Uslucans Fazit: Erfolgreiche Integration bringe mehr Konflikt mit sich, nicht weniger – weil Teilhabe Selbstbewusstsein erzeugt. Wer dazugehört, will nicht mehr dankbar sein, sondern gleichberechtigt.

Aus den Daten des Integrationsbarometers zitierte er eine gemischte Bilanz: Integration in Deutschland sei „nicht gescheitert, aber mit Luft nach oben“. Vor allem Menschen türkischer Herkunft erlebten häufiger Exklusion – und damit geringere Zugehörigkeit.

Subjektive Integration ist kein Luxus – sie ist das Fundament demokratischer Loyalität.

Mit Blick auf die Arbeit der Fachkommission betonte er abschließend:

Integrationsfähigkeit ist keine Bringschuld der Migrant:innen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie entsteht dort, wo Bildung, Arbeit und politische Teilhabe zusammenwirken – und Gleichwertigkeit erlebbar wird.“

Medien zwischen Empörungsschleife und Verantwortung – Yasemin
Aydın im Fokus

Im zweiten Impuls richtete Yasemin Aydın, Sozialanthropologin, Sozialpsychologin und Direktorin für International Relations & Public Engagement bei der IJA, den Blick auf die Verantwortung der Medien.

„Medien sind keine neutralen Übermittler mehr – sie sind Resonanzräume, in denen eine Gesellschaft spürt, wer dazugehört und wer draußen bleibt.

Aydın zeigte am Beispiel der „Stadtbild“-Debatte, wie unscharfe Fragen und vereinfachte Schlagzeilen Empörung befeuern, während Inhalte verschwimmen. Ihr Appell:

Eine gerechte Öffentlichkeit misst sich nicht an der Lautstärke ihrer Skandale, sondern an der Verhältnismäßigkeit ihrer Aufmerksamkeit.

Sie kritisierte, dass Menschen mit internationaler Geschichte in TV-Formaten unterrepräsentiert sind und häufig nur in Verbindung mit Migration oder Flucht erscheinen:

Vielfalt existiert in der Gesellschaft, aber nicht ausreichend in den Redaktionen. Wer nie selbst erzählt, bleibt Objekt – nicht Gestalter – der Öffentlichkeit.

Aydın formulierte drei Leitplanken journalistischer Verantwortung:

1. Präzision vor Polemik – Begriffe offenlegen und definieren.
2. Betroffene zu Subjekten machen – ihre Perspektiven aktiv einbeziehen.
3. Verhältnismäßigkeit prüfen – das mediale Aufmerksamkeitsbudget gerecht verteilen.

„Wir reden in Deutschland zu oft über Zugehörigkeit, als ginge es um eine Genehmigung. Dabei geht es um Beziehung, nicht um Bewilligung

Geduldet-Sein, Mehrsprachigkeit und die Macht der Sprache

In der anschließenden Podiumsdiskiussion und derPublikumsrunde richtete sich der Blick zunehmend auf das, was sich nicht messen lässt, aber den gesellschaftlichen Zusammenhalt entscheidend prägt: das Gefühl, wirklich dazuzugehören. Eine junge Teilnehmerin fragte: „Was macht es psychologisch mit Menschen, wenn sie über Jahre in einem Land leben, aber das Gefühl behalten, nur geduldet zu sein?“

Prof. Hacı-Halil Uslucan antwortete:

Duldung ist kein Konzept auf Augenhöhe – Anerkennung schon. Wer sich ständig erklären muss, kann sich nicht entfalten.“

Er beschrieb das „Geduldet-Sein“ als einen Zustand permanenter Unsicherheit, „eine Art innerer Wachsamkeit“, die verhindert, dass Menschen sich voll als Teil einer Gesellschaft begreifen. „Wer von der Gunst anderer abhängig ist, bleibt immer in einer symbolischen Warteschlange.“

Yasemin Aydın griff diesen Gedanken auf – und öffnete ihn von der individuellen zur kulturellen Ebene. Sie sprach von einer „emotionalen Grammatik der Zugehörigkeit“, die sich in Sprache, Bildern und Mediencodes niederschlage:

„Wir reden in Deutschland zu oft über Zugehörigkeit, als ginge es um eine Genehmigung. Dabei geht es um Beziehung, nicht um Bewilligung.“

Aydın betonte, dass Medien und politische Kommunikation das Klima dieser Beziehung entscheidend formen:

Die Sprache, mit der wir über Menschen sprechen, bestimmt, ob sie Teil eines Wir werden können.Wenn Worte wie ‚Stadtbild‘, ‚Flut‘ oder ‚Belastung‘ unhinterfragt wiederholt werden, dann werden ganze Gruppen semantisch an den Rand verschoben.“

Sie verwies auf die Wirkung wiederkehrender Sprachmuster, die – oft unbewusst – das Gefühl erzeugen, nicht gemeint oder nicht erwünscht zu sein. Sprache ist kein neutrales Medium. Sie erschafft Realitäten. Und je öfter Angst als Bezugsgefühl aktiviert wird, desto enger wird der Raum für Empathie.“

Ein Schüler fragte anschließend, ob Mehrsprachigkeit für die junge Generation eher Hürde oder Stärke sei.

Uslucan antwortete:

Bilingualität ist eine Ressource – kognitiv, sozial und emotional. Menschen, die in mehreren Sprachen denken, haben ein breiteres Wahrnehmungsfeld.“

Aydın ergänzte – mit einem Seitenblick auf Bildungspolitik und Medienpraxis:

Mehrsprachigkeit wird in Deutschland nicht gleich behandelt. Französisch-Deutsch gilt als kosmopolitisch, Türkisch-Deutsch als integrationsbedürftig. Dabei ist beides Ausdruck derselben Fähigkeit: zwischen Welten zu denken.“

Sie forderte, Mehrsprachigkeit als Gestaltungskraft einer pluralen Demokratie zu verstehen – „nicht als Abweichung, sondern als Zukunftskompetenz“.

„Eine Gesellschaft, die nur in einer Sprache denkt, bleibt blind für ihre eigenen Möglichkeiten. Mehrsprachigkeit ist kein Randphänomen – sie ist längst die Realität des Landes.“

In der Debatte wurde deutlich:

Anerkennung beginnt nicht mit Gesetzen, sondern mit Blicken, mit dem Tonfall, mit der Bereitschaft zuzuhören. (Aydin)

Die Diskussion an diesem Abend war kein abstrakter Austausch, sondern ein vielstimmiges Gespräch über die symbolische Architektur des Zusammenlebens – darüber, wie Zugehörigkeit entsteht, verloren gehen oder neu erzählt werden kann.

Sichtbarkeit, Augenhöhe – und Gerechtigkeit als Maßstab

Zum Ende formulierte Aydın einen persönlichen und gesellschaftlichen Appell:

„Ich identifiziere mich als Deutsche mit türkischen Wurzeln. Heimat ist hier – und genau deshalb müssen wir über Sprache, Deutung und Repräsentation sprechen. Sichtbarkeit schafft Normalität.“

Uslucan schloss mit John Rawls’ Gedankenexperiment des „Schleiers des Nichtwissens“:

Gerecht ist, was gleichermaßen gut für alle ist.

Zwischen Empirie und ErfahrungJournalismus und Lebenswelt zeigte der Abend, dass Zugehörigkeit dort wächst, wo Rechte, Repräsentation und Respekt zusammenfinden und wie wichtig die Rolle der Medien dabei ist.

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