Die zweite Veranstaltung der Frankfurter Gespräche – einer Kooperation von Haus am Dom und der International Journalists Association (IJA) – widmete sich anlässlich des 35. Jahrestags der Deutschen Einheit der Frage, wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland steht. Der Abend verband historisches Gedenken mit einer nüchternen Gegenwartsdiagnose: Ost/West-Biografien, Migration und Vielfalt, die Rolle der Medien sowie das Erstarken populistischer Kräfte bildeten die zentralen Koordinaten.

Yasemin Aydın (Direktorin für Internationale Beziehungen & Public Engagement, IJA) eröffnete mit dem Kernanliegen der Reihe: Stimmen hörbar machen, die sonst oft überhört werden, und Räume für Debatten jenseits gewohnter Grenzziehungen schaffen. Mit Blick auf den 2. Oktober betonte sie, dass Einheit nicht nur eine historische Zäsur, sondern eine dauerhafte demokratische Aufgabe sei. Die Spannungen der Gegenwart – Migration, Vielfalt, Populismus – beträfen die Grundlagen demokratischer Öffentlichkeit: Sprache, Medien, Vertrauen in Institutionen.
In seinen Grußworten erinnerte Prof. Dr. Joachim Valentin (Direktor, Haus am Dom) an Frankfurts Rolle in früheren Einheitsfeierlichkeiten und die lange interkulturelle Arbeit des Hauses. Sein Leitmotiv „Ohne Diskurs keine Einheit, ohne Vielfalt keine Vereinigung“ setzte den Ton des Abends: Das Haus am Dom versteht sich als Ort, an dem Menschen ins Gespräch kommen, die sonst nicht miteinander reden.
Prof. Dr. Marcel Lewandowsky: ,,Man wählt die AfD nicht aus Protest, sondern aus Überzeugung.“
Prof. Dr. Marcel Lewandowsky (seit 1. Oktober 2025 Professor für Regierungslehre & Policyforschung an der MLU Halle-Wittenberg) machte klar: Es ging ihm nicht um eine Festrede, sondern um empirische Einordnung. Seine These: Die Institutionen der deutschen Demokratie sind stabil – die eigentliche Dynamik liegt in den Einstellungen der BürgerInnen und in Formen der affektiven Polarisierung.
Lewandowsky unterschied analytisch zwischen
Unzufriedenheit richte sich häufig weniger gegen Idee und Verfassung, sondern gegen das Erleben politischer Leistungsfähigkeit. Brisant werde es dort, wo affektive Polarisierung greife: Nicht nur Positionen stehen sich gegenüber, sondern Menschen lehnen einander ab. Besonders scharf seien die wechselseitigen Antipathien zwischen AfD– und Grünen-Milieus. Entscheidend: „Man wählt die AfD nicht aus Protest, sondern aus Überzeugung.“ Populistische Parteien versprächen, den „wahren Volkswillen“ gegen „die da oben“ durchzusetzen – das sei iliberal und verforme den demokratischen Begriff.
Ein zweiter Schwerpunkt betraf die Reaktionen des Mainstreams: Wenn etablierte Parteien Agenda und Rhetorikder radikalen Rechten – insbesondere zur Migration – übernehmen, profitiert das „Original“. Der Effekt sei empirisch sichtbar: Die Nachahmung stärke eher die populistische Konkurrenz, anstatt sie zu schwächen. Schlussfolgerung: Themen setzen statt hinterherlaufen – Kompetenzfelder wie soziale Gerechtigkeit, Klima, Daseinsvorsorge mit eigener Sprache vertreten, statt im Framing der Rechten zu argumentieren.
Vielfalt, Medien und Integrationsparadox
Im anschließenden Dialog kam die Rolle der Medienverantwortung und Vielfalt zur Sprache. Aydın griff die Debatte um unkritische Befragung auf: Wann wird Berichterstattung zur Normalisierung rechtsextremer Positionen? Lewandowsky plädierte für klare Einordnung statt vermeintlicher Neutralität. Gleichzeitig wies er auf ein journalistisches Dilemma hin: Bühne verwehren oder Bühne mit Fact-Checking und Kontext – gerade öffentlich-rechtliche Redaktionen stünden im Spannungsfeld zwischen Auftrag und Ressourcen.
Mit Blick auf das aktuelle Vielfaltsbarometer wurde deutlich: Offenheit schwankt; besonders bei ethnischer Herkunft und Religion ist Skepsis spürbar. Hier griff Aydın das Integrationsparadox auf: Mehr Sichtbarkeit und Teilhabe erzeugen mehr Konflikte – nicht als Zeichen des Scheiterns, sondern als Aushandlung in einer pluralen Demokratie. Problematisch werde es, wenn politisch benachteiligte Gruppen gegeneinander ausgespielt werden – etwa ehemalige Ostdeutsche und Menschen mit Migrationsgeschichte. Das schwäche den Zusammenhalt und öffne populistischer Mobilisierung Türen.
In der Publikumsrunde traten die Kernspannungen des Abends noch einmal deutlich hervor. Eine erste Frage galt dem Ost-West-Gefälle: Warum ist die Zustimmung zu rechten Parteien oft dort am höchsten, wo reale Begegnungen mit Migrant:innen selten sind? Lewandowsky verwies hier auf die sogenannte Kontakthypothese: Feindseligkeit entstehe nicht primär aus unmittelbarer Erfahrung, sondern aus medial vermittelten Bildern, Stereotypen und politischem Framing. Wo der Alltag von Vielfalt geprägt sei, seien die Vorbehalte häufig geringer.
Yasemin Aydın griff diese Dynamik auf und lenkte den Blick auf ein anderes Spannungsfeld: Auch innerhalb von Communities mit Migrationsgeschichte finde man AfD-Wähler:innen – oft mit dem Argument, man selbst sei „angepasst“, während die Neueren die eigentlichen Probleme verursachten. Für Lewandowsky ein aufschlussreiches Beispiel dafür, wie das populistische „Wir gegen die“ auch innerhalb von Minderheitenmilieus reproduziert werde und so neue Bruchlinien entstünden.
Auf die Frage einer jungen Teilnehmerin mit Fluchterfahrung,was Einzelne in dieser Gemengelage tun könnten, antwortete Lewandowsky nüchtern, aber ermutigend: sichtbar werden, sich organisieren, Parteien beitreten. Parteien seien trotz aller Kritik die tragende Infrastruktur der repräsentativen Demokratie. Doch sie seien überaltert, männlich und akademisch dominiert. Wer eine vielfältigere Demokratie wolle, müsse genau hier ansetzen und neue Stimmen in die Strukturen tragen. Aydın knüpfte daran an und betonte, dass Vielfalt in der Politik nicht nur ein Abbild der Gesellschaft sein sollte, sondern eine Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Zum Abschluss ging der Blick in die Zukunft. Welche Faktoren würden in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren über die Stabilität der deutschen Demokratie entscheiden? Lewandowsky hob die soziale Dimension hervor: Wachsende ökonomische Ungleichheit untergrabe Vertrauen, schüre Unzufriedenheit und verstärke polarisierende Wahlentscheidungen. Demokratie, so seine Botschaft, brauche soziale Sicherheit und faire Chancen, um tragfähig zu bleiben. Es wurde unterstrichen, dass dieser Punkt gerade im Jubiläumsjahr der Einheit ein Schlüssel sei: Ohne soziale Gerechtigkeit bleibe Zusammenhalt eine fragile Idee – mit ihr aber könne Demokratie neu an Vertrauen und Bindungskraft gewinnen.