Die schwedische unabhängige Nachrichtenplattform Blankspot.se veröffentlichte am 20. Mai eine brisante Recherche: Der türkische Geheimdienst MIT habe den in Stockholm ansässigen Journalisten Abdullah Bozkurt und dessen Plattform Nordic Monitor ins Visier genommen. Bozkurt, Chefredakteur und Mitgründer des Mediums, soll laut Bericht zu den Personen gehören, die vom MIT als „Zielpersonen“ gelistet wurden.
Laut einem Bericht von TR724, der sich auf Blankspot.se stützt, recherchierte der schwedische Journalist Rasmus Canbäck kürzlich zum Fall seines Kollegen Joakim Medin, der nach 51 Tagen Haft aus dem Hochsicherheitsgefängnis Silivri in Istanbul freigelassen wurde. Hinter der Freilassung vermutet man ein geheimes Abkommen zwischen der Türkei und Schweden – eine mögliche Verhandlungsmasse im Austausch für Maßnahmen gegen bestimmte Personen in Schweden.
Ein anonymer schwedischer Informant mit langjährigen Verbindungen zu geheimdienstlichen Aktivitäten im Nahen Osten erklärte gegenüber Blankspot, die Türkei habe im Gegenzug zur Freilassung Medins von Schweden verlangt, gegen gewisse Personen vorzugehen. Darunter sei auch Abdullah Bozkurt. Dessen Name sei in Gesprächen mit türkischen Vertretern mehrfach gefallen.
Nordic Monitor im Fokus Ankaras
Das 2019 von Abdullah Bozkurt und Levent Kenez gegründete Nachrichtenportal Nordic Monitor ist bekannt für seine Enthüllungen über autoritäre Praktiken der türkischen Regierung, insbesondere über geheime Operationen des MIT gegen Oppositionelle im Ausland. Bereits seit Jahren ist die Plattform Ziel türkischer Behörden.
Dokumente belegen, dass die Türkei im Rahmen der Verhandlungen über Schwedens NATO-Beitritt offiziell die Schließung des Portals gefordert hat. Der damalige stellvertretende türkische Außenminister Burak Akçapar erklärte am 16. November 2023 vor dem außenpolitischen Ausschuss des türkischen Parlaments, die Schließung sei Teil der Gespräche. Auch nach dem NATO-Beitritt Schwedens würden entsprechende Bemühungen fortgeführt, so Akçapar.
Drohungen und Übergriffe gegen Journalisten
Bozkurt und Kenez sehen sich seit Jahren systematischen Einschüchterungen durch den MIT sowie regierungsnahe und teils auch oppositionelle türkische Medien ausgesetzt. Die regierungsfreundliche Presse warf Bozkurt gar eine Verbindung zu dem Attentäter auf den russischen Botschafter Andrei Karlow vor – eine Behauptung, die selbst in der Anklageschrift der türkischen Staatsanwaltschaft nicht auftaucht.
Im Dezember 2016 forderte der regierungsnahe Journalist Cem Küçük öffentlich im türkischen Fernsehen die Ermordung Bozkurts durch den MIT. „Wir wissen, wo sie leben. Wenn man einigen von ihnen eine Kugel in den Kopf jagt, wird sich etwas ändern“, sagte Küçük damals im Sender TGRT.
Auch Präsident Erdoğans Sicherheitsberater Mesut Hakkı Caşın äußerte sich im Januar 2021 im Sender CNN Türk bedrohlich über Bozkurt: „Der MIT wird ihn finden. Ob er dann den Fischen oder Haien übergeben wird, weiß ich nicht. Aber das Ende von Verrätern ist bekannt.“
Im September 2020 wurde Bozkurt vor seinem Wohnhaus in Stockholm von drei Unbekannten überfallen. Seitdem lebt er an einem geheimen Ort, geschützt durch schwedisches Recht. Dennoch wurde im Oktober 2022 seine Adresse offenbar durch den MIT an die regierungsnahe Zeitung Sabah durchgestochen. Auch heimlich aufgenommene Fotos von Levent Kenez tauchten in derselben Zeit in der Zeitung auf.
Internationale Reaktionen
Die Schwedische Journalistenvereinigung (Journalistförbundet) und die Europäische Journalisten-Föderation (EFJ) reagierten mit scharfer Kritik auf die türkischen Forderungen. EFJ-Präsidentin Maja Sever sprach von „schmutziger politischer Erpressung zur Einschüchterung von Journalisten“. Der Fall wurde auch auf der Plattform des Europarats für den Schutz von Journalisten thematisiert.
Schwedens Migrationsministerin Maria Malmer Stenergard wies am 17. Mai in einer Pressekonferenz Berichte über einen möglichen „Tauschhandel“ im Fall Medin zurück, bestätigte jedoch die Existenz einer geheimdienstlichen Zusammenarbeit zwischen Schweden und der Türkei.

