{"id":14950,"date":"2020-04-19T00:21:50","date_gmt":"2020-04-19T00:21:50","guid":{"rendered":"http:\/\/internationaljournalists.org\/?p=14950"},"modified":"2020-04-28T00:25:40","modified_gmt":"2020-04-28T00:25:40","slug":"yuecel-auf-erdogan-wartet-kein-ruhesitz-sondern-die-haftanstalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/internationaljournalists.org\/de\/yuecel-auf-erdogan-wartet-kein-ruhesitz-sondern-die-haftanstalt\/","title":{"rendered":"Y\u00fccel: Auf Erdogan wartet kein Ruhesitz, sondern die Haftanstalt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Bundesregierung war Deniz Y\u00fccel ein Journalist, der allein wegen seiner Berichte im Gef\u00e4ngnis sa\u00df. Die t\u00fcrkische Regierung nannte ihn dagegen &#8222;Agentterrorist&#8220;. \u00dcber sein gleichnamiges Buch sprach er mit der DW.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von Februar 2017 an befand sich der damalige T\u00fcrkei-Korrespondent der &#8222;Welt&#8220;, Deniz Y\u00fccel, 367 Tage in t\u00fcrkischer Untersuchungshaft. Terrorpropaganda lautete der Vorwurf der Ermittler.&nbsp;Am 16.&nbsp;Februar 2018 wurde Y\u00fccel&nbsp;freigelassen und konnte noch&nbsp;am selben Tag nach Deutschland zur\u00fcckkehren. Mitte Oktober wird wieder in Abwesenheit gegen Deniz Y\u00fccel in der T\u00fcrkei verhandelt. Bis zu 18 Jahren Haft drohen dem Journalisten bei einer Verurteilung.&nbsp;Sein Buch &#8222;Agentterrorist&#8220;&nbsp;\u00fcber seine Haftzeit gibt&nbsp;Einblicke in das politische System der T\u00fcrkei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>DW: Hohe Vertreter des t\u00fcrkischen Staates haben&nbsp;Sie immer wieder als&nbsp;&#8222;Agentterrorist&#8220; bezeichnet.&nbsp;Genauso haben Sie auch Ihr neues Buch genannt. Was haben Sie sich bei der Namensgebung gedacht?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deniz Y\u00fccel: Dieser Begriff &#8222;Agentterrorist&#8220;&nbsp;stammt vom t\u00fcrkischen Pr\u00e4sidenten Recep Tayyip Erdogan. Als ich einen Titel f\u00fcr mein Buch suchte, dachte ich: Es w\u00fcrde sich nicht geh\u00f6ren, dieses Geschenk abzulehnen. Die Urheberrechte geh\u00f6ren also Erdogan.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>DW: Wir k\u00f6nnten jetzt \u00fcber viele Dinge sprechen &#8211;&nbsp;\u00fcber das Gerichtsverfahren, ihre Festnahme. Fangen wir aber ganz am Ende an: Wie war es m\u00f6glich, dass ein &#8222;Agentterrorist&#8220;, der mehrfach angeklagt ist, pl\u00f6tzlich frei gelassen wird?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant, nicht wahr? In der Tageszeitung &#8222;Sabah&#8220;&nbsp;zum Beispiel wurde ich als &#8222;Agentterrorist&#8220; verhaftet und als &#8222;Journalist und T\u00fcrkei-Korrespondent der Tageszeitung &#8218;Die Welt'&#8220;&nbsp;freigelassen. Ich wurde verhaftet, weil sich die t\u00fcrkische Regierung und Erdogan pers\u00f6nlich davon einen Vorteil erhofft haben. Und genauso war es bei meiner Freilassung. Auch das war eine politische Entscheidung. Ich wei\u00df, dass das zust\u00e4ndige Gericht eine Anweisung erhielt, mich laufen zu lassen. Nicht nur meine Verhaftung war rechtswidrig, sondern auch die Umst\u00e4nde meiner Freilassung waren es.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Es gibt zwischen der T\u00fcrkei und Deutschland viel Handel in der R\u00fcstungsindustrie. In Ihrem Buch betonen Sie \u2013 genau wie Sie es auch im Gef\u00e4ngnis getan hatten \u2013 Deniz Y\u00fccel und Panzer k\u00f6nne man nicht im selben Satz benutzen. Au\u00dferdem wurde behauptet, dass es einen Tausch zwischen Ihnen und Anh\u00e4ngern der G\u00fclen-Bewegung gegeben habe. Ist das wahr?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Tayyip Erdogan hat sich gedacht: &#8222;Wenn dieser Mann Deutschland so wichtig ist, dann sollten wir den nicht umsonst hergeben.&#8220;&nbsp;Wie der Journalist Ahmet \u015e\u0131k immer wieder betont: In der T\u00fcrkei herrscht ein Gangsterregime und der Mafiaboss hei\u00dft Tayyip Erdogan. Darum versuchte er zuerst einen Austausch: &#8222;Gebt uns den und den General und ihr kriegt daf\u00fcr Deniz.&#8220; Irgendwann konnte Gerhard Schr\u00f6der ihn \u00fcberzeugen, dass so ein Austausch unm\u00f6glich ist. Darauf sagte sich Erdogan: &#8222;Na gut, dann wollen etwas anderes, Waffen zum Beispiel. Umsonst kriegen sie den jedenfalls nicht.&#8220; So denken und handeln Gangster. Aber den Angaben verschiedener Beh\u00f6rden und der deutschen Regierung zufolge gab es einen solchen Deal nicht. Das wurde mir mehrmals auf meine Nachfragen hin best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Kommen wir zu Ihrer Anklageschrift. Es wurden Ihnen vor allem Ihre Artikel zur Last gelegt. Unter anderem haben Sie ein Interview mit dem PKK-Funktion\u00e4r Cemil Bayik gemacht. Gab es jemals Momente, in denen Sie pl\u00f6tzlich wegen Ihrer Arbeit unsicher waren, sich selbst hinterfragt haben?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Klar, das d\u00fcrften alle Kollegen kennen: Mal bist du selber mit deiner Arbeit sehr zufrieden, mal denkst du: &#8222;Naja, das war jetzt kein Glanzst\u00fcck.&#8220; Aber ganz grunds\u00e4tzliche Zweifel hatte ich keine. Ich habe nie gedacht: &#8222;W\u00e4re ich doch nicht nach Kandil&nbsp;<em>(zum PKK-Hauptquartier \u2013 Anm. d. Red.)&nbsp;<\/em>gegangen&#8220;&nbsp;oder &#8222;W\u00e4re ich in der Putschnacht im Juli 2016 doch nicht einer der wenigen ausl\u00e4ndischen Journalisten auf den Stra\u00dfen Istanbuls gewesen&#8220;.&nbsp;Das ist mein Job. Und f\u00fcr Journalisten war die T\u00fcrkei noch nie ein leichtes Terrain.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Hatten Sie damals gedacht, dass sich der Prozess so lange hinziehen w\u00fcrde?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht so lange, nein. Aber damit stand ich nicht allein. Auch deutsche Politiker, Diplomaten, Anw\u00e4lte, Journalisten haben das nicht erwartet. Jeder, dem ich im Polizeigewahrsam begegnete, sagte: &#8222;Dich k\u00f6nnen sie nicht einsperren.&#8220;&nbsp;Konnten sie aber. Dann hie\u00df es: &#8222;Dich k\u00f6nnen sie nicht so lange festhalten&#8220;&nbsp;&#8211;&nbsp;doch, konnten sie auch. Hinter dieser Einsch\u00e4tzung steckte folgender Gedanke: Die T\u00fcrkei will EU-Mitglied werden, sie orientiert sich am Westen, die wirtschaftlichen Beziehungen sind sehr eng. Da wird sie nur wegen eines Journalisten keine solche Krise riskieren. Aber wir haben gesehen: Es gibt nichts, das&nbsp;Erdogan nicht tun w\u00fcrde, um an der Macht zu bleiben. Denn er wei\u00df eines genau: An dem Tag, an dem er sie verliert, erwartet ihn kein Ruhesitz in Marmaris, sondern die Haftanstalt in Silivri Nr. 9, wo immer noch viele meiner Kollegen einsitzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie bezeichneten sich selbst als &#8222;politische Geisel&#8220;. Wie bewerten Sie heute die damalig<\/em>e&nbsp;<em>Rolle der deutschen Regierung?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe die deutsche T\u00fcrkeipolitik auch vor meiner Verhaftung kritisiert &#8211;&nbsp;und heute noch habe ich einige Kritikpunkte. Aber ich k\u00e4me mir komisch dabei vor, der Bundesregierung vorzuwerfen, nicht genug f\u00fcr mich unternommen zu haben. Soweit ich das einsch\u00e4tzen kann, hat sie sich sehr engagiert. Es gab allerdings auch einen immensen Druck der deutschen \u00d6ffentlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ihr Gef\u00e4ngnisaufenthalt bedeutete ein abrupter Freiheitsentzug &#8211;&nbsp;einige Entbehrungen mussten Sie verdauen. Als Sie freigelassen wurden, wollten Sie die T\u00fcrkei dennoch nicht verlassen. Man musste Sie dazu \u00fcberreden. Warum?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der damalige Au\u00dfenminister Sigmar Gabriel sagte in dieser Situation zu meiner Frau Dilek: &#8222;Sie lassen ihn sofort frei. Die einzige Bedingung lautet, dass er sofort das Land verl\u00e4sst. Daf\u00fcr schicke ich Ihnen ein Flugzeug. Wer w\u00fcrde so etwas ablehnen?&#8220; Dileks Antwort: &#8222;Deniz. Der k\u00f6nnte das ablehnen.&#8220;&nbsp;Ich dachte n\u00e4mlich: &#8222;Wenn es diesem Mann gerade passt, dann werde ich verhaftet. Und wenn es ihm gerade passt, werde ich freigelassen und soll zu alledem nichts sagen?&#8220;&nbsp;Au\u00dferdem war das auch eine emotionale Sache: Ich lebte seit zwei Jahren in der T\u00fcrkei, hatte dort meine Wohnung, meine Arbeit, Freunde, meine Katze. Dann hatte man mir all das gewaltsam weggenommen. Dieses Leben wollte ich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wie hat man Sie denn \u00fcberredet?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Frau sagte zu mir: &#8222;Du willst nicht, dass das passiert, was die wollen. Aber dadurch verhindert du auch das, was wir wollen.&#8220;&nbsp;Das hat mich nachdenklich gemacht. Zudem war mein Vater in Deutschland schwer krebskrank. Ich h\u00e4tte noch ein paar Monate im Gef\u00e4ngnis bleiben k\u00f6nnen. Aber vielleicht hatte mein Vater keine paar Monate mehr. Tats\u00e4chlich ist er vier Monate nach meiner Freilassung gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sie haben in Ihrem Buch beschrieben, wie Sie Folter und Misshandlungen w\u00e4hrend Ihrer Haft erlebt haben. Zwar haben Sie anschlie\u00dfend Strafanzeige erstattet, aber dar\u00fcber&nbsp;nicht \u00f6ffentlich gesprochen. Haben Sie versucht zu verhindern, dass die Einzelheiten dieser Gr\u00e4uel politisch instrumentalisiert werden k\u00f6nnten?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe damit aus zwei Gr\u00fcnden gewartet: Zum einen lief zum Zeitpunkt meiner Freilassung noch das Gerichtsverfahren, in das ich nicht eingreifen wollte. Der zweite Grund: Die Folter und der Missbrauch waren systematisch. Zun\u00e4chst wurde ich eingesch\u00fcchtert und gedem\u00fctigt, dann steigerte sich die Gewalt: Am zweiten Tag schlugen sie mir auf meine Brust und den R\u00fccken, am dritten Tag ins Gesicht. Ich war ihrer Willk\u00fcr ausgeliefert, jeden Tag h\u00e4tten sie noch einen Schritt weitergehen k\u00f6nnen. Es waren immer dieselben sechs Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter, die Gewalt angewendet haben. Aber ohne das Wissen des Gef\u00e4ngnisdirektors h\u00e4tten sie das niemals tun k\u00f6nnen. Ob er selbst den Befehl gegeben hat? Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, halte es aber f\u00fcr unvorstellbar, dass er so eigenm\u00e4chtig in einem Fall gehandelt hat, den der Pr\u00e4sident zur Chefsache erkl\u00e4rt hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ganze wurde also von oben befohlen. Ich vermute, dass sie Deutschland zu weiteren Reaktionen provozieren wollten, um damit Wahlkampf zu machen. Darum wollten sie wom\u00f6glich, dass wir das sofort \u00f6ffentlich machen. Und genau darum haben wir darauf verzichtet. Der richtige Ort daf\u00fcr, das \u00f6ffentlich zu machen, war der Gerichtssaal. Das war der Ort zu sagen: Ich wurde vielleicht auf Veranlassung, ganz sicher aber unter der Verantwortung des Staatsoberhaupts dieses Landes gefoltert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Das Interview f\u00fchrte Gezal Acer.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<div class=\"jeg_video_container jeg_video_content\"><iframe title=\"Deniz Y\u00fccel: Benim s\u00fcrecim, Erdo\u011fan\u2019\u0131n iktidar i\u00e7in her \u015feyi yapaca\u011f\u0131n\u0131 g\u00f6sterdi - DW T\u00fcrk\u00e7e\" width=\"500\" height=\"281\" data-src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/M2YlfJSWVIg?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen src=\"data:image\/svg+xml;base64,PHN2ZyB3aWR0aD0iMSIgaGVpZ2h0PSIxIiB4bWxucz0iaHR0cDovL3d3dy53My5vcmcvMjAwMC9zdmciPjwvc3ZnPg==\" class=\"lazyload\" data-load-mode=\"1\"><\/iframe><\/div>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Bundesregierung war Deniz Y\u00fccel ein Journalist, der allein wegen seiner Berichte im Gef\u00e4ngnis sa\u00df. 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